Das Dorf Garnadera

auch die Kirche ist sehr bescheiden

  • 300 Einwohner
  • 100 Pferde
  • 10 Autos
  • ein Arbeitgeber: Finca Bayano
  • außer uns keine Ausländer
  • in 500 Metern über dem Meeresspiegel
  • zwei Autostunden von den Stränden Las Lajas und Santa Catalina am Pazifik entfernt
  • etwa drei Autostunden nach Bouquete
  • etwa sechs Autostunden nach Panama City

 

An anderer Stelle habe ich die Vorteile der Panameños bereits hervorgehoben: Sie sind freundlich, sie sind gutmütig und sie lassen uns in Ruhe. Aber sie haben noch eine weitere Eigenschaft: sie sind noch konservativer als Europäer. Sich mit Panameños über eine kommende Krise zu unterhalten, macht keinen Sinn. Zwar haben auch sie bemerkt, dass die besten Zeiten vorbei sind, denn ein Wirtschaftswachstum von 10% gibt es heute nicht mehr, aber sie können sich nicht vorstellen, dass es zu einem weltweiten Zusammenbruch kommen könnte.

Bis zum heutigen Tag kennen die Panameños Kriege nur aus Filmen und zu dem Begriff “Krieg” haben sie keinen wirklichen Bezug. Die einzige Ausnahme war die Invasion der US-Amerikaner 1989 und das ist mittlerweile fast 30 Jahre her. Ab einem bestimmten Zeitpunkt sollte es möglich sein, die Menschen auf den Zusammenbruch des Systems anzusprechen. Mit einigen meiner Angestellten habe ich darüber bereits gesprochen. Schließlich arbeiten sie seit Jahren mit mir zusammen und wissen, dass ich weder ein Spinner noch ein Verschwörungstheoretiker bin. 

 

Gegend um Finca Bayano

das Gelände auf dieser Abbildung umfasst etwa 30 km – hier wohnen maximal 500 Personen

Garnadera ist das Nachbardorf der Finca Bayano. Hier gibt es eine ganze Menge “Nichts”: keinen Supermarkt, keine Tankstelle, keine Bank, keine Apotheke, keine Werkstatt, keinen Arzt. Und es gibt weder Dealer noch “Rapefugees”, weder Chemtrails noch Verbrecherbanden, weder Industrie noch Verkehrstote. Und es gibt so gut wie keinen Stress. Alle 300 Bewohner des Dorfes leben in ihrem eigenen Haus, mit Strom und fließendem Wasser, wenn es auch noch so bescheiden ist. Schätzungsweise die gleiche Anzahl Familienangehörige leben und arbeiten in Santiago und Panama City. Sie werden im Falle eines Crashs alle ins Dorf zurückkommen müssen. In Anbetracht der zur Verfügung stehenden Fläche für den Anbau von Lebensmitteln sind hinsichtlich der Ernährung keine Probleme zu befürchten, denn die Bewohner Garnaderas haben alle ihren eigenen Garten mit Hühnern und anderen Haustieren.  Schätzungsweise gibt es ein Pferd pro Haushalt. Es gibt mittlerweile zehn Autos im Dorf, aber immer noch etwa zehnmal so viele frei umherlaufende Pferde. Der Dorfplatz befindet sich laut Google Earth auf 8°05’51,0 N und 81°28’56,0 W; der Name des Dorfes ist dort falsch geschrieben. Es heißt nicht Carnadera sondern Garnadera.

 

Momentan beschäftige ich auf der Finca Bayano 15 Arbeiter, die zusammen 4.500 US$ verdienen. Sie kommen alle aus dem Dorf Garnadera und sind alle Selbstversorger und können von ihren 300 US$ Lohn die Hälfte sparen. Viele Europäer schaffen das heute nicht mehr. Sobald wir Bioläden eröffnen, werden wir die dreifache Menge an Arbeitern brauchen, so dass erheblich mehr Mittel ins Dorf fließen werden und wir dazu beitragen, das Dorf zu entwickeln.

 

Das ist der Open-Air-Friseur in Garnadera. Gibt es im Dorf nur wenige Motive für ein Foto, so gehört er doch dazu. Denn außer der Finca Bayano und der Natur gibt es im Dorf nicht viel zu bestaunen. Er ist kein Star seiner Zunft, aber er ist nett und wenn seine Frau zu Hause ist, gibt es auch noch einen schwarzen Kaffee mit Zucker dazu. Hinzu kommt das Ambiente: Bei welchem Friseur schaut schon ein Pferd zu? Der Preis ist wirklich akzeptabel. Für nur einen Dollar versucht er sein Bestes. Im Vergleich dazu: ein Haarschnitt in einer Mall in Panama-City kostet zehn Dollar. Wenn’s regnet, wird auf der Terrasse geschnitten.

 

Oma Maria war wohl die letzte über-100-jährige hier im Dorf. Wer wie sie um 1910 geboren wurde, nahm das Beste aus allen Welten mit: natürliche Ernährung am Anfang ihres Lebens, kein Interesse an Fast-Food im späteren Leben und lebensverlängernde Maßnahmen im Alter trugen dazu bei, dass sie so alt wurde. Die ersten sechs Jahrzehnte ihres Lebens war sie nicht beim Arzt. Luftverschmutzung war damals ein unbekannter Begriff und sie ernährte sich bis zum Rentenalter ausschließlich von natürlicher Kost. Als die zerstörerischen Fast-Food-Ketten in Panama Einzug hielten, war sie schon über 70 und an Big-Macs wollte sie sich in diesem Alter nicht mehr gewöhnen. Krank wurde sie erst als Ur-Ur-Großmutter mit 85. Damals verlängerte die modere Medizin ihr Leben um weitere zwei Jahrzehnte. Auf dem Bild ist sie mit zwei ihrer Ur-Ur-Ur-Enkel zu sehen. Wie viele Nachkommen sie hatte, konnte sie mir nicht sagen; es sollten weit über 10 sein. Sie wusste auch nicht, wie viele ihrer Nachkommen noch am Leben waren.

 

Anna ist in etwa das Gegenteil von Oma Maria. Sie wiegt etwa doppelt so viel wie Maria und wird daher mit entsprechenden Problemen zu rechnen haben. Weder nimmt sie das Beste aus allen Welten mit, noch wird sie 107. Sie ist ein Beispiel dafür, dass in Panama niemand Hunger leidet. Ganz im Gegenteil: viele leiden an Übergewicht. Abgesehen vom falschen Essverhalten ist das reichhaltige Angebot an Lebensmitteln der Grund hierfür. Insbesondere Reis ist bei den Panameños sehr beliebt. Er hat gegenüber Yuca jedoch gleich mehrere Nachteile. Reis schmeckt besser und man kann mehr davon essen, aber er hat dreimal mehr Kalorien als Yuca. Zudem benutzen Reisbauern jede Menge Chemikalien um ihre Konkurrenzfähigkeit zu erhöhen. Damit erhöht sich gleichzeitig die Krebsrate.

 

Hier gibt es mindestens zehnmal so viele Pferde wie Autos. Die Tiere laufen frei auf öffentlichem Land umher, da umzäuntes Weideland für Kühe reserviert ist. In der Trockenzeit fressen sie alle von den Bäumen herabfallenden Kaschus, um ihren Durst zu stillen. Unser Vorteil: Wir sammeln die Pferdeäpfel ein, um sie als Dung zu benutzen. Der Nachteil der Besitzer: wer sein Pferd braucht, muss es möglicherweise suchen. Auf dem Foto füttert Marlon ein Pferd mit Kaschus.

 

Lassowerfen gehört zu jedem Dorffest. Weil ein ausgewachsenes Rind von einem Reiter nicht bewältigt werden kann und weil es nur um die Unterhaltung geht, müssen Kälber herhalten. Was das Lassowerfen betrifft, so gibt es in Panama wahre Spezialisten. Sie treffen sich regelmäßig, um sich zu messen. Ein solcher Wettbewerb findet mehrmals jährlich im Nachbardorf Corozal statt. Jede Menge Cowboys führen dort ihre “getuneten” Pferde  und Wurfkünste vor. Da es auf dem Land weder Kinos noch Shopping-Malls gibt, sind solche Ereignisse sehr beliebt. Es versteht sich, dass dabei auch eine Menge Alkohol fließt. Das könnte auch der Grund dafür sein, dass sich die Cowboys nur an Kälbern versuchen. Schließlich ist eine ausgewachsene Kuh kein Spielzeug mehr. Auch wenn es nicht artgerechteste Behandlung eines Tieres ist, so wäre es übertrieben zu sagen, dass es sich um Tierquälerei handelt.

 

Ein Mangobaum wurde gefällt, weil seine Wurzeln den Fundamenten eines Hauses zu nahe kamen. Einen Baum zu fällen, ist für zwei Leute etwa einen Tag Arbeit. Bezahlt wird in der Regel mit Holz: der Besitzer der Kettensäge zerlegt den Baum und erhält dafür den Stamm. Daraus macht er Bretter, die er etwa für 50 Dollar verkaufen kann. Äste und Laub hole ich ab, um sie als Mulch auf der Finca Bayano zu benutzen. Sind die Stücke klein geschnitten, zersetzt sich weiches Mangoholz in einem Jahr.

 

Als wir vor ein paar Jahren damit anfingen, Pferdeäpfel zu sammeln, fanden das viele Leute lustig. Heute haben immer noch nicht alle verstanden, dass “Bio” der bessere Weg ist, aber zumindest sind wir nicht mehr alleine. Einer unserer Nachbarn macht mit seiner selbstgebauten Schubkarre regelmäßig den Dorfplatz “sauber”. Was die Finca Bayano betrifft, so ist die Arbeit besser eingesetzt, falsche Sonnenblumen und Schilfgras zu pflanzen, als Pferdeäpfel zu sammeln.

 

Am Anfang des Jahres reifen die Zitrusfrüchte. Unter vielen Obstbäumen verfault dann ein großer Teil der Früchte  auf dem Boden. Einerseits ist die ‘moderne’ Ernährung auch in Panama auf dem Vormarsch, denn Süßigkeiten in Plastiktüten sind leichter zu öffnen als Orangen, andererseits gelten Trauben und Äpfel aus Chile oder Kalifornien als exotische ‘Modeartikel’. Für unser Projekt ist dieser Überfluss ein großer Vorteil. Am Tag X wird kein Obst mehr verfaulen, aber es wird immer etwas zu essen zur Verfügung stehen.

 

Diese Hütte ist bezahlt und erdbebensicher. Sie ist nicht feuerfest, aber es dauert nur ein paar Tage, eine solche Unterkunft zu bauen. Was nicht dazu passt, ist die blaue Plastikfolie, die dem Zweck dient, den Dachfirst abzudichten. Die Baumeister vergangener Tage hatten dafür bessere Lösungen. Heutzutage benutzen nur arme Panameños natürliches Baumaterial. Zukünftige Generationen werden Techniken dieser Art möglicherweise wieder anwenden müssen, wenn andere Materialien nicht mehr zur Verfügung stehen.

 

Garnadera: Hier gibt es eine ganze Menge “Nichts”! … und die Finca Bayano.